Vordenker für die Mobilität der Zukunft

« zurück zur Übersicht

Bombardier Transportation mit Hauptsitz in Berlin entwickelt in 28 Ländern an 61 Standorten Verkehrslösungen für die gesamte Welt. Im Hennigsdorfer Werk wird von der Straßenbahn bis zum Hochgeschwindigkeitszug modernste Schienenfahrzeuge entwickelt, produziert und gewartet. Dr. Jens Cattarius, Vice President Engineering bei Bombardier Transportation, erläutert im Interview die Vorteile der Digitalisierung für moderne Mobilität.

Im VR-Labor kann in hochauflösender 4K-Technik alles simuliert werden. (Foto: ©Bombardier Transportation) 

Herr Dr. Cattarius, in einem Industriezweig, der auf eine beachtliche Historie zurückblicken kann, sorgt das Thema Industrie 4.0 sicher für massive Veränderungen. Wie gestaltet sich dieser Prozess bei Ihnen?
Es stimmt – die digitale Transformation ist für traditionelle Industriezweige oft mehr als eine Evolution, denn sie greift tiefgehend in sämtliche Abläufe ein. Insofern wird man ihre disruptive Kraft spüren, wenn man nicht veränderungsfähig bleibt. Wir haben schon vor vielen Jahren erkannt, dass die Digitalisierung ein entscheidendes Zukunftsfeld sein wird. Der Einsatz digitaler Technologien findet bei Bombardier bereits auf allen Stufen der Wertschöpfung statt, von der Produktentwicklung über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg. Die Industrie 4.0 hat damit bei uns an allen entscheidenden Schnittstellen im Arbeitsprozess Einzug gehalten.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern: Wie muss man sich die digitale Entstehung von Bauteilen für Züge vorstellen?
Nehmen wir einmal das Stichwort „virtuelle Entwicklung“. Wir haben bei uns ein Virtual-Reality-Labor eingerichtet, das unseren Entwicklungsspezialisten die Möglichkeit bietet, ihr Bauteil, ihre Konstruktionslösung oder gar ganze Innenraumbereiche live in Virtual Reality anzusehen. Sie können dabei alles in Originalgröße betrachten und Eigenschaften, Funktionalitäten, Bewegungsabläufe oder Anmutungen simulieren und überprüfen. Das geht so weit, dass wir virtuelle Monteure simulieren, mit deren Hilfe sich die Montage von Bauteilen überprüfen lässt, um entsprechende Montageanweisungen zu erstellen.

Wie muss man sich das VR-Labor denn vorstellen?
Das ist ein 4 x 5 Meter großer Raum mit einer Power-Wall, die mit hochauflösender 4K-Technik ausgestattet ist. Auf dieser Powerwall können Sie alles simulieren – von der sprichwörtlichen Schraube bis zum kompletten Zugabteil. Die Darstellung verändert sich perspektivisch, wenn Sie den Kopf drehen, damit Sie eine räumliche Sichtkontrollmöglichkeit haben.

Das klingt in der Tat nach einer digitalen Revolution. Was sind die Vorteile Ihres Virtual Reality-Labors?
Wir können schneller, direkter und flexibler auf die Wünsche unserer Kunden reagieren und ihnen unsere Entwicklungen anschaulich präsentieren. Abläufe lassen sich dadurch maximal vereinfachen, Abstimmungsprozesse hochflexibel gestalten. Wir können etwaige Fehler detektieren und unsere Produktionsabläufe entsprechend vorbereiten. Zudem schaffen wir aufgrund der digitalen Überprüfbarkeit im Bereich der Unfallvermeidung auch höhere Sicherheitsstandards. Das Praktische ist: Wenn ein Bauteil auf diese Weise virtuell überprüft und optimiert wurde, lässt es sich im 3D-Druck sofort als Muster herstellen und seine Passgenauigkeit kann zum Beispiel im realen Fahrzeug noch einmal konkret nachvollzogen werden. Damit straffen wir Entwicklungsprozesse immens.

An welcher Stelle spielt das Thema „Big Data“ für Ihre Produkte eine Rolle?
Auch hier möchte ich Ihnen ein Beispiel geben: Wir arbeiten seit 2008 mit dem intelligenten Wartungssystem Orbita, das an ein automatisches Fahrzeuginspektionssystem gekoppelt ist. Damit können wir aus dem laufenden Betrieb unserer Fahrzeuge Messdaten gewinnen und automatisch Handlungsanweisungen generieren. Die Möglichkeiten dieser Datensammlung reichen von der Überprüfung der Bauteileperformance im Betrieb bis zur Ankündigung des nächsten Serviceintervalls, ähnlich wie bei modernen Autos.

Die Anforderungen des digitalen Arbeitens verändern Unternehmen und Berufsbilder. Wie erleben Sie den Wandel zur Industrie 4.0 am Unternehmensstandort Berlin-Brandenburg?
Absolut positiv. Bombardier Transportation hat 2002 seinen Hauptsitz von Montréal nach Berlin verlegt. Zum einen spielte die Nähe zu großen Kunden, wie beispielsweise zur Deutschen Bahn, für uns eine große Rolle. Zum anderen bot und bietet uns die Hauptstadt ein sehr innovatives Umfeld, in dem das Zukunftsthema Digitalisierung authentisch zu Hause ist. Berlin ist als Start-up-Capital zum Magneten für hervorragend ausgebildete Menschen geworden. Wir profitieren vom internationalen Talentpool der Hauptstadtregion. Für uns als weltweit agierender Konzern sind die Internationalisierung Berlins und die Möglichkeiten zur Wissensvernetzung ein großer Vorteil. Ein wichtiges Merkmal des Wandels zur Industrie 4.0 ist, dass sich das Arbeiten beschleunigt und sich Arbeitsprozesse kontinuierlich ändern. Deshalb legen wir großen Wert darauf, unseren Mitarbeitern Entwicklungschancen zu bieten, um mit ihnen Arbeitsprozesse von morgen fortzuentwickeln.

Von der Zukunftsfähigkeit aus nach vorne geblickt: Wie lautet die Aufgabenstellung der Zukunft an den Weltmarktführer im Transportwesen?
Die zunehmende Urbanisierung wird an uns Mobilitätsanbieter völlig neue Anforderungen stellen. Daher arbeiten wir an Konzepten, mit denen wir die Mobilität in Städten und ländlichen Regionen sicherstellen. Unsere hauseigene Forschung vernetzt sich mit jungen Talenten, Vor- und Querdenkern, mit denen wir an zukunftsfähigen Mobilitätslösungen arbeiten, neue Ideen entwickeln und Ansätze erproben, die „über den Tellerrand“ gedacht sind. /ih

Veröffentlichung des Interviews mit freundlicher Genehmigung von Berlin to go.