Staub. Eisenspäne. Ölgeruch. Während irgendwo im Haus Feilen quietschen, setzen wir erneut den Kuhfuß an und hebeln alte Dielen aus ihrem Ruhebett. Die Geräusche, die an unser Ohr dringen, sind die Nabelschnur zur Vergangenheit.
Doch wir blicken in die Zukunft: Die Metallwerkstatt in einer Industrieetage in der Köpenicker Straße soll ein Hort kreativer Köpfe werden. Als Innenarchitekten fällt es uns leicht, das Ziel zu sehen: Ein schickes, helles Büro mit Loftcharakter nur einen Steinwurf von der Spree entfernt. Für Architekten, Musikproduzenten, Eventgestalter und uns: raumdeuter. Aber noch tanzt Staub durch die Sonnenstrahlen. Und mittendrin stehen wir in Arbeitsklamotten: Zwei Frauen und ein Mann, drei Diplom-Ingenieure für Innenarchitektur. Wir haben praktische Erfahrung auf dem Bau und in Tischlerwerkstätten hinter uns. Wir packen an.
1. Januar 2007: Wir ziehen ein. Noch ohne Teeküche und Besprechungsraum. Auf unsere 20m² zwängen wir vier Tische, zwei Drucker und Regale, die einer Stadtbibliothek Konkurrenz machen. Der Scherz, dass wir demnächst eine zweite Ebene in die hohen Räume einziehen, wird in den nächsten Monaten zum geflügelten Wort.
Hier sind wir nun: im eigenen Büro. Keine Kundentelefonate im Wohnzimmer mehr, keine Telefonkonferenzen zur Absprache untereinander, kein Studentengefühl… Kopf hoch und Brust raus! Wir haben eine Firma gegründet. Wir sind unser eigener Chef.
In den nächsten Wochen bauen wir eine professionelle Verwaltungsstruktur auf. Unsere Mitmieter beneiden uns um Notizzettel und Projektdatenblätter im Firmendesign. Wir vernetzen unsere Rechner und erstellen einen gemeinsamen Terminkalender. Aber werden die Aufträge reichen? Unsere vorsichtige Kalkulation erscheint uns zunächst wie ein Luftschloss. Doch es geht voran. Wir haben zu tun und verwenden ruhige Zeiten aktiv für Akquise. Und wir nutzen unsere Wettbewerbsvorteile: Eine breitgefächerte Ausbildung an der Burg Giebichenstein in Halle, Zusatzausbildungen im Wissenschafts- und Kunstbereich und Praktika bei Immobilienentwicklern. Jeder bringt seine besonderen Fähigkeiten und Interessen ein – auf der Grundlage eines gemeinsamen Verständnisses von Gestaltung. Unsere Kunden schätzen unsere pfiffigen und unverbrauchten Ideen.
1 ½ Jahre später. Die Gegend um den Ostbahnhof soll zur Boomtown werden. Wir sind noch da! Wir haben eine Berlin-Karte aufgehängt und markieren die Orte, an denen wir Spuren hinterlassen. Inzwischen tragen zwei Läden, ein Reisebüro und ein Café unsere Handschrift, zu unseren Kunden gehören Anwälte, und die Privataufträge häufen sich in den Villenvierteln im Süden von Berlin. Wir beschäftigen Praktikanten und geben unser Wissen weiter. Die 20 m² sind inzwischen eigentlich zu eng. Aber wir sind da: hartnäckig, professionell und kreativ.
http://www.raumdeuter.de
Friedrichshain-Kreuzberg
raumdeuter – der Name ist Programm
sei innen, sei außen, sei berlin.
von Schulze, Inga
eingestellt am 10.06.2008
