Hammer her: Do it yourself-Design im Bröhan-Museum

Ausstellung: „Do-it-yourself-Design“ im Bröhan-Museum, Jerszy Seymour, workshop chair, 2009 

Einfach mal selber machen – kaum eine Stadt verkörpert diesen Impuls so wie Berlin. Das Bröhan-Museum greift das Phänomen in der neuen Ausstellung „Do it yourself-Design“ auf. Direktor Dr. Tobias Hoffmann erläutert, warum DIY gerade jetzt wieder aktuell ist.

be Berlin : Herr Dr. Hoffmann, kurz erklärt: Was ist Do-it-yourself-Design genau?

Dr. Tobias Hoffmann: Do it yourself-Design ist die Idee, dass ein Gestalter einen Entwurf für ein Objekt zur Verfügung stellt und die Ausführung komplett beim späteren Nutzer dieses Objekts liegt.

So wie bei IKEA?

IKEA hat diese Idee, die schon um 1900 entstanden ist, perfekt aufgegriffen und kommerzialisiert, wobei der Unterschied zum DIY-Design darin liegt, dass IKEA die Dinge mundgerecht serviert und man sie nur noch zusammenbauen muss, während beim DIY-Design die Sache wesentlich komplexer ist. Dort bekommt man nur einen Plan mit Angaben, welche Materialien dafür verwendet werden sollten. Und dann muss man sich die Materialien selber besorgen, man muss die Hölzer zuschneiden, man muss die Löcher selber bohren, die Dübel dafür aussuchen. Insofern ist mehr Engagement und mehr handwerkliches Können gefordert.

Was ist in Ihrer Ausstellung zu sehen?

Wir beginnen in der Zeit um 1900, als mit der aufkommenden Industrialisierung auch das Do it yourself geboren wird. Es wurden damals immer mehr Objekte industriell hergestellt, da entstand die Idee: „Wir müssen dem etwas entgegensetzen. Wir wollen im Sinne von Marx uns nicht von unserer Arbeit und Wirklichkeit entfremden lassen“. Deshalb beginnen wir mit Arts-and-Crafts-Objekten, mit frühen Objekten von Riemerschmid. Es geht über die 20er Jahre mit Gerrit Thomas Rietveld und Ferdinand Kramer bis in die 60er, 70er Jahre, wo die Idee im Zuge der 68er-Bewegung wieder ganz stark aufblühte. Und in die Gegenwart, wo der DIY-Gedanke gerade wieder sehr nach vorne rückt.

DIY wird also wie in einer Welle immer wieder nach oben gespült – womit hängt das zusammen?

Es ist auffällig, dass die Idee des DIY oft in Zeiten von wirtschaftlichen Krisen aufgegriffen wird. Da überlegen sich die Gestalter: wie können wir auch Leuten, die sich das eigentlich nicht leisten können, gut gestaltete Möbel zur Verfügung stellen? Das war zum Beispiel die Idee von Rietveld, der Anfang der 30er Jahre ein Do it yourself-Möbelset auflegte. Und Do it yourself ist immer wieder verbunden mit Sozialutopien wie der 68-Bewegung, antikapitalistisch und anti-Industriell zu arbeiten.

Und welchen Nerv trifft DIY heute?

Heute ist es vielschichtig. Wir haben in den letzten 20, 30 Jahren in Europa ein extremes Sterben der Konsumgüterindustrie gehabt. Möbelfirmen sind verschwunden, Glasfirmen, Keramikfirmen. Do it yourself ist für Designer auch eine Strategie dafür, dass ihre Entwürfe trotzdem umgesetzt werden. Es gibt aber auch heute wieder eine Sozialutopie: Wir haben eine ganze Reihe Entwürfe, die auf die Flüchtlingsproblematik reagieren, zum Beispiel von der Berliner Initiative CUCULA, oder auch von Van Bo Le-Mentzel, der das Sozialthema schon mit Hartz-IV-Möbeln aufgegriffen hat. Das Faszinierende ist aber, ist das die Idee sich inzwischen umkehrt: Ursprünglich wollte man Leuten, die wenig Geld haben, Möbel zur Verfügung stellen. Inzwischen überlegen sich Leute, die sich nahezu alles kaufen können und viel Freizeit haben: Ich habe keine Lust, mir ein teures Designer-Stück zu kaufen, sondern ich suche mir einen Designer-Entwurf aus und baue selbst.

Liegt diese Begeisterung fürs Machen auch daran, dass wir alle ständig virtuell unterwegs sind?

Das ist auf jeden Fall ein Aspekt. Ein anderer ist, dass momentan in der ganzen Welt eine große Krise der Institutionen und des Professionalismus herrscht. Man denke nur an den Brexit: Ein Land steigt aus einer Megastructure aus  – der EU –und möchte es wieder „selber machen“. Do it yourself als Staat sozusagen. Und das ist ein allumfassendes Phänomen: Man misstraut den Institutionen, man misstraut der Lebensmittelindustrie. Deshalb fängt man an, die Dinge wieder selber anzubauen. Dieses totale Misstrauen und der totale Rückzug in das Individuelle ist das Austreten aus einer Megastructure.

In Berlin scheint DIY besonders angesagt zu sein.

Berlin ist ein ganz wichtiges Zentrum der DIY-Bewegung. Es entstehen hier viele innovative Unternehmen, die an diesem Gedanken mitarbeiten. Zum Beispiel öffnen in Berlin gerade viele Fab Labs – das sind Werkstätten, in denen hochwertige Maschinen stehen, die jeder nutzen kann und mit denen man auch ganz komplexe Entwürfe umsetzen kann. Es entstehen Repair-Werkstätten und Repair-Cafés. Berlin ist einfach eine sehr junge, sehr lebendige Stadt, die momentan die interessantesten Köpfe anzieht, zum Beispiel Ronen Kardushin, einen israelischer Designer, der einer der Vordenker des Open Design ist, oder auch den Deutsch-Kanadier Jerszy Seymour. Diese Stadt ist immer noch im Werden. Das scheint der perfekte Nährboden für diese Bewegung zu sein.

In der Ausstellung bieten Sie auch eine DIY-Werkstatt für Besucher an.

Dieses Thema muss man einfach leben. Wir wollen den Besuchern die Möglichkeit bieten, nicht nur die Objekte anzuschauen, sondern sich selber zu betätigen. Deshalb werden wir jeden zweiten Sonntag eine fliegende Werkstatt im Museum haben und auch weitere Workshops anbieten. Van Bo Le-Mentzel wird zum Beispiel einen Workshop leiten zum Bauen der Hartz-IV-Möbel. Oder Besucher stellen Schmuck aus Abfall her –Upcycling ist ja auch ein Aspekt der Do it yourself-Bewegung.

Was würden Sie sich wünschen, das Besucher aus Ihrer Ausstellung mitnehmen?

Die Lust, selber zu experimentieren. Sich inspirieren zu lassen von der Vielseitigkeit der Entwürfe. Dass sie sehen, wie wichtig Do it yourself für das 20. Jahrhundert war, aber auch einen kreativen Impuls mitnehmen: dass man die Angst überwindet und mal zum Werkzeug greift und etwas macht.

 

Die Ausstellung

…stellt die historische Entwicklung des DIY-Designs im 20. Jahrhundert dar. Der Schwerpunkt liegt aber auf zeitgenössischen Konzepten und auf deren unmittelbarer Erfahrung in Workshops im Museum. Gezeigt werden etwa 100 Werke von Gestaltern wie Richard Riemerschmid, Gerrit Rietveld, Erich Dieckmann, Ferdinand Kramer, Enzo Mari, Peter Raacke, Van Bo Le-Mentzel, Jerszy Seymour, Stéphane Barbier Bouvet, mischer‘traxler oder auch von der Initiative CUCULA.

30. September 2016 – 29. Januar 2017, Bröhan-Museum, Schloßstraße 1a, 14059 Berlin

Mehr unter: http://www.broehan-museum.de/non-classe/do-it-yourself-design/

 

mischer'traxler, Tischleuchte f.aid, 2011, MAK Wien, Foto: Katrin Wißkirchen 

 

Van Bo Le-Mentzel: hz4 Wohnung; Foto: Daniela-Gellner 

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